Leseabend im Literaturhaus ein voller Erfolg

Eindrücke von Eleonore Eich, Marina Küffner und Janina Jung

Leseabend im Literaturhaus (Foto: Eleonore Eich)

Das Interesse des Publikums war groß – so groß, dass der Leseabend restlos ausverkauft war und neben den 200 sitzenden BesucherInnen noch 40 stehende hinzu kamen. Die Ukraine, das zeigt der Zuspruch, weckt zurzeit großes Interesse. Und die vier anwesenden AutorInnen – Juri Andruchowytsch, Tanja Maljartschuk, Jurko Prochasko und Serhij Zhadan – haben deutlich gezeigt, dass die Literatur aus der Ukraine mitreißen und begeistern kann.

Begrüßt wurde das Publikum von Hanne Kulessa, der Dozentin des Kurses Kulturmanagement des Fortbildungsprogramms Buch- und Medienpraxis der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Ihre Begrüßung beinhaltete ein Zitat des Oberbürgermeisters Peter Feldmann und den Vorschlag einer Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt und Charkiw oder Lemberg. Danach folgte eine einleitende Rede von Malu Schrader, Teilnehmerin der Fortbildung. Schließlich stellte Katharina Raabe, die Moderatorin des Abends, die Lesenden vor. Die Lektorin des Suhrkamp-Verlages für osteuropäische Literaturen zeigte sich als gute Kennerin dieser literarischen Territorien und führte souverän durch den Abend. Ihre erste Frage – wie es ist, heute hier in Frankfurt zu sein – richtete sie an Juri Andruchowytsch, der mit „Prophetisch!“ antwortete, da der Abend seit über einem Jahr geplant worden war und niemand voraussehen konnte, wie aktuell das Thema Ukraine sein würde.

Dann ergriff Tanja Maljartschuk, die jüngste der Anwesenden, das Wort. 2013 erschien im Residenz-Verlag ihr von Anna Kauk übersetzter Roman „Biographie eines zufälligen Wunders“. Biografien, so Tanja, sind wahre Geschichte. Aber manche seien so grausam, dass sie in ihrem Roman die wahren Geschichten mit erfundenen Wundern verband, um zu zeigen, dass man nie die Hoffnung aufgeben soll. Tanja Maljartschuks Vortrag wurde von einem herzlichen Lachen des Publikums und der Autorin selber begleitet. An einer Stelle las sie „Nach Italien fahre ich nicht wegen der Mafia!“ und kommentierte ihren eigenen Text im Anbetracht der derzeitigen Lage in der Ukraine ironisch mit „Jetzt klingt das wirklich lächerlich!“.

Während Tanja Maljartschuk, Jurko Prochasko und Juri Andruchowytsch im west-ukrainischen Iwano-Frankiwsk geboren wurden, stammt Serhij Zhadan aus dem Osten der Ukraine. Er beschrieb, wie schwierig es für ihn ist, Lesungen in der Ukraine abzuhalten, da sich weder die Machthaber noch die Oppositionellen einig darüber sind, ob sein Werk für oder gegen sie spricht und bereits zugesagte Veranstaltungen aus Angst vor Konsequenzen wieder abgesagt wurden. Serhij Zhadan las – zur Freude der Anwesenden Ukrainer – in seiner Muttersprache aus dem 2012 bei Suhrkamp erschienenen und von Juri Durkot und Sabine Stöhr übersetzten Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“. Damit auch der Rest des Publikums den faszinierend-grotesken Einfällen rund um ein Fußballspiel folgen konnte, übernahm Jesko von Schwichow die Lesung der deutschsprachigen Version.

Der Essay „Der Mitteleuropäer. Abgesang auf den Nachbarn dazwischen und seine Neuerfindung“ von Jurko Prochasko erschien 2011 bei Steidl im Sammelband „Illusion der Nähe? Ausblicke auf die europäische Nachbarschaft von Morgen“ und wurde herausgegeben u. a. von Christoph Bartmann. Jurko Prochasko beschreibt darin die Stellung Mitteleuropas und der Mitteleuropäer, im Spannungsfeld zwischen Ost und West.

Schließlich Juri Andruchowytsch, der beeindruckend zwei von Sabine Stöhr übersetzte Auszüge aus seinem 2011 bei Suhrkamp verlegten Roman „Perversion“ vortrug. Die Ahnengeschichte des ukrainischen Volkes war ähnlich phantasievoll und unterhaltsam wie der Brief eines polyglotten Professors, der des Ukrainischen nicht mächtig war.

Die unterschiedlichen Stimmen der SchriftstellerInnen in Sprache und Inhalt haben gerade in ihrer Vielfältigkeit dem Publikum einen facettenreichen Einblick in die literarischen Beweglichkeiten des Territoriums Ukraine gegeben. Bei der Diskussion heute Abend um 19.30 Uhr im Casino der Goethe-Universität richtet sich der Blick dann auf Politik und Gesellschaft. Darauf darf man sehr gespannt sein!