Interview mit Oleg Paslavsky von „Wir sind Ukrainer e.V.“

Logo "Wir sind Ukrainer e.V."

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Anfang diesen Jahres trafen wir Oleg Paslavsky, einen der Vorsitzenden des Vereins „Wir sind Ukrainer e.V.“ und sprachen mit ihm über seine Heimat, über Kultur und über Gegensätze.

Buch- und Medienpraxis: Guten Tag, Herr Paslavsky. Stellen Sie sich bitte zunächst einmal vor.

Oleg Paslavksy: Also, ich komme aus der Westukraine, aus Lviv. Wir nennen es die kulturelle Hauptstadt der Ukraine. Dort habe ich auch studiert. Seit 8 Jahren bin ich nun in Deutschland. Ich bin hier wegen der Arbeit hergekommen. Ich arbeite in einer sehr großen Schweizer Firma, die eine Niederlassung in Frankfurt hat. Ich habe Wirtschaft studiert und arbeite gerade in der IT.

Buch- und Medienpraxis: Welche Rolle spielt nun aber Kultur für Sie? Wie haben Sie das in Lviv erlebt?

Oleg Paslavsky: Zunächst einmal werden in der Westukraine stark die Traditionen bewahrt, nicht so wie in der Ostukraine, wo sie zerstört wurden. Die Westukraine war ja kein Teil der Sowjetunion bis 1940. In Lviv haben wir zum Beispiel ein tolles Opernhaus. Das hatte sich in der Zeit der österreich-ungarischen Besetzung weiterentwickelt. Da wurde die ukrainische Kultur sogar eher unterstützt als unterdrückt. Aus der Westukraine stammen viele Musiker und Schriftsteller.

Buch- und Medienpraxis: Also halten sich in der Westukraine sowohl Tradition als auch Moderne die Waage?

Oleg Paslavksy: Genau, so ist es. Heute morgen habe ich gelesen, dass Lviv eine der 10 besuchenswertesten Städte der Welt sei.

Buch- und Medienpraxis: Stimmen Sie der mentalen Trennung des Landes zu? Natürlich nicht klar schwarz-weiss, aber dennoch ist ein Unterschied da.

Oleg Paslavksy: Ja, klar ist da ein Unterschied, der historisch bedingt ist. Die Unterschiede werden in Anbetracht der aktuellen Unterschiede noch deutlicher. Denn die Ostukrainer unterstützen Russland und die Westukrainer unterstützen die pro-europäische Bewegung.

Buch- und Medienpraxis: Warum hat der Protest dann von Kiev seinen Ausgang genommen?

Oleg Paslavksy: Der Protest hat eigentlich auch in der Westukraine begonnen und ist dann zum Zentrum und der Hauptstadt gewandert. In Kiev sind auch viele Leute aus der Westukraine, die dort protestieren.

Unsere Regierung hat nun auch die Position eingenommen, einfach die Demonstrationen zu ignorieren. So passiert gar nichts mehr. Die Menschen, die einen ganzen Monat auf dem Platz stehen, werden langsam müde. Sie müssen sich etwas überlegen und blockieren zum Beispiel Gebäude oder protestieren direkt vor den Häusern der Politiker.

Buch- und Medienpraxis: Welche Rolle spielt der Protest in Deutschland?

Oleg Paslavksy: Wir zeigen unsere Unterstützung, das gibt ihnen Kraft in der Kälte zu stehen Tag und Nacht. Außerdem erzeugt es Aufmerksamkeit bei den Bürgern Deutschlands. Wir brauchen Unterstützung aus der ganzen Welt.

Buch- und Medienpraxis: Haben vielleicht Menschen, die in Westeuropa sozialisiert wurden, ein anderes Bild oder bringen andere Ansichten mit in die Ukraine? Welche Vorteile hat zum Beispiel Klitschko?

Oleg Paslavksy: Klitschko ist kein Politiker, aber immerhin ist er so reich, dass er nicht korrupt werden wird. Außerdem lieben ihn die Leute, egal aus welchem Teil der Ukraine sie kommen. Und er hat Unterstützung aus der ganzen Welt. Wenn er ein gutes Team um sich schart, dann hat er gute Chancen, Präsident zu werden.

Buch- und Medienpraxis: Welche Aussichten haben Sie für die Entwicklungen in der Ukraine?

Oleg Paslavksy: Das größte Problem ist, dass unser Land gesplittet ist. Der Staat war schon im 17. Jahrhundert gespalten. Das Land kann sich einfach nicht weiterentwickeln, weil nie der Großteil der Bevölkerung eine Richtung unterstützt, sei es pro-russisch oder pro-westlich. So ist es dann auch 50/50 im Parlament, da kann es ja nicht vorwärts gehen. Die Revolution im Moment ist bereits das Ergebnis davon.

Buch- und Medienpraxis: Wieso blicken denn viele Ukrainer nach Deutschland?

Oleg Paslavksy: Deutschland ist das stärkste Land in Europa und kann wichtige Entscheidungen beeinflussen, zum Beispiel auch den EU-Beitritt.

Buch- und Medienpraxis: Wir haben 4 Autoren eingeladen, die überwiegend gut Deutsch sprechen und sich der deutschen Literaturgeschichte und der westlichen Kultur gegenüber aufgeschlossen sehen. Diese Entscheidungen müssen keine politischen Hintergründe haben. Vielleicht sind sie aber dadurch der gesamten EU offener gegenüber eingestellt und befürworten den kulturellen Austausch.

Oleg Paslavksy: Ja da ist sicher ein Zusammenhang. Die Autoren sprechen gut Deutsch oder haben Germanistik studiert, wie Andruchowytsch oder Prochasko und Maljartschuk lebte in Deutschland…

Buch- und Medienpraxis: In Österreich gerade…

Oleg Paslavksy: Zhadan kann, glaube ich, nur ein bisschen Deutsch, aber er lebte in Berlin, weil das ein Ort mit viel Kultur ist.

Buch- und Medienpraxis: Also kennen Sie alle Autoren?

Oleg Paslavksy: Ja, ich habe ihre Bücher gelesen und ich freue mich wirklich sehr, dass sie nach Frankfurt kommen. Unser Verein wollte auch so etwas organisieren, weil das die Top-Autoren sind und sehr bekannt. Wir wollen auch Schriftsteller und Autoren einladen, aber das ist vom finanziellen her nicht so einfach, mit all den Kosten für Anreise und die Unterbringung. Ich habe immer geschaut, ob sie in die Nähe kommen. Zhadans Bücher kenne ich sehr gut, ich habe viele gelesen. Das ist wirklich mehr als Literatur. Andruchowytsch ist sehr politisch und engagiert. In der Ukraine sind sie alle wie gesagt sehr bekannt.

Buch- und Medienpraxis: Ist deren Literatur die Stimme der jungen Generation? Spiegelt sich in den Geschichten der Kontrast von Ost und West? Oft geht es auch um Perspektivlosigkeit und das Zudröhnen deswegen. Bei Zhadan wird es so beschrieben. Wie sehen Sie das?

Oleg Paslavksy: Man könnte sagen, dass es sehr modern geschrieben ist. Zhadan schreibt über das soziale Leben der Menschen, das die Realität reflektiert. Er ist selbst jung und es geht oft darum. Was junge Menschen denken. Sie sind eher fortschrittlich innerhalb der Bevölkerung, sie sind im Internet, und informieren sich dort, anstatt regierungsfreundliches Fernsehen zu schauen. Der Rest ist zensiert. Die Alten sind konservativ und waren nie in ihrem Leben im Ausland. Da gibt es große Unterschiede in der Mentalität. Die Jungen nehmen ihre Informationen von unabhängigen Quellen. Sie denken anders. Daher sind sie beliebt. Es gibt natürlich auch andere begabte Autoren, die schreiben dann über Geschichte und historische Romanzen. Aber das interessiert die jungen Leute nicht so, weil es nichts mit ihrem Leben zu tun hat.

Buch- und Medienpraxis: Sprechen wir mal über ihren Verein. Warum haben Sie ihn gegründet und welche Ziele verfolgt er?

Oleg Paslavksy: Es gibt hier im Frankfurter Raum recht viele Ukrainer. In den drei Bundesländern Hessen, Rheinland Pfalz und Saarland leben 18.000 Ukrainer und ehemalige Ukrainer.

Buch- und Medienpraxis: Wie organisiert man sich? Über welche Kanäle?

Oleg Paslavksy: Wir nutzen soziale Plattformen im Internet, die sind am stärksten. Nicht nur unser Verein, die gesamte Kommunikation findet dort statt. Zum Beispiel die Revolution in Ägypten und auch in der Ukraine jetzt.

Wir sind präsent im Netz oder wir drucken Flyer und informieren die Menschen über unsere Veranstaltungen. Hauptsächlich machen wir Kulturveranstaltungen, Stammtische, wir unterstützen ukrainische Sportler oder organisieren Filmabende oder Konzerte ukrainischer Musiker.

2012 waren wir bei der Parade der Kulturen und werden 2014 wieder daran teilnehmen.

Buch- und Medienpraxis: Was ist mit Tradtition gemeint? Trachten tragen und urtümliches Essen zubereiten? Oder geht es um das Zusammensein?

Oleg Paslavksy: Wir wollen ukrainische Kultur als Ganzes in Deutschland fördern, sowohl den traditionellen als auch den modernen Teil davon. Wir wollen etwas Soziales organisieren und den Austausch mit den Deutschen unterstützen. Über unsere Facebook-Gruppe erreichen wir circa 1000 Menschen. Als nächstes werden wir am 17. Januar eine Party organisieren. Am 13. endet erst unser Jahr und das wird in der Ukraine gefeiert. Die Party findet …. statt.

Buch- und Medienpraxis: Wie schwer war es für Sie, das deutsche Leben hier anzunehmen? Gibt es Unterschiede in der Mentalität?

Oleg Paslavksy: Frankfurt ist der weltbesten Städte, was die Lebensqualität anbelangt. Berlin hat kulturell natürlich mehr zu bieten.

Deutschland ist ein demokratisches Land und das findet man in so vielen Lebensbereichen, nicht nur in der Politik, sondern auch in der Kultur. Jeder kann etwas für sich finden, sei es Pop, Folk oder Rock. Außerdem ist Frankfurt eine der multikulturellsten Städte der Welt, ich hatte nie Schwierigkeiten.

Klar gibt es Unterschiede in der Mentalität zwischen Deutschen und Ukrainern. Zum Beispiel sind Ukrainer nicht so organisiert. Das sind Klischees, aber sie haben sich als wahr erwiesen.

Die Deutschen kommen schon um 7, obwohl sie erst um 9 anfangen sollen.

Buch- und Medienpraxis: Nur die deutschen Studenten sind eine Ausnahme. Möchten Sie denn in die Ukraine zurückkehren?

Oleg Paslavksy: Ich möchte das nicht ausschließen. Ich würde gern zurückkehren, aber momentan ist die politische Situation nicht so gut dort. Außerdem muss ich meine Familie finanziell unterstützen, da meine Eltern in Rente sind und der Staat sich nicht um sie kümmert. Aber irgendwann würde ich zurückgehen, oder auch in ein anderes Land ziehen.

Buch- und Medienpraxis: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Oleg Paslavksy: Dass jeder Mensch glücklich wird, und Glück definiert jeder anders. Ich wünsche mir, dass die Ukraine den Weg der Demokratie geht, weniger Korruption. Und den Rest soll jeder für sich selbst entscheiden.

Buch- und Medienpraxis: Vielen Dank für das Interview.

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Die nächste Veranstaltung von und für Ukrainer und deren Freunde findet am Freitag, den 17. Januar statt. Am 13. endet erst das Jahr und das wird in der Ukraine gefeiert. Die Party findet im Klub EURODELI statt.

Hier ist der Link zur Facebook-Veranstaltung.