Eine politische Diskussion und eine bessere Zukunft

Eindrücke von Janina Jung

Diskussionsabend in der Universität (Foto: Tamara Marszalkowski)

Diskussionsabend in der Universität (Foto: Tamara Marszalkowski)

Es ist Donnerstag, der 6. Februar, kurz nach 18 Uhr, als die ersten Neugierigen die Ausstellung betreten. Noch schnell die wichtigsten Stichpunkte zur ukrainischen Geschichte einsammeln, mehr über das Land erfahren, auf eine Landkarte aus Post-Its aufschreiben, was einem zur Ukraine einfällt, und dann ein Blatt Papier bedruckt mit einem Zitat eines Intellektuellen einstecken.

Um 19.30 befinden sich etwa 200 sitzende und 50 stehende Gäste im Saal, als die AutorInnen Juri Andruchowytsch, Tanja Maljartschuk, Jurko Prochasko und Serhij Zhadan gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Inna Melnykovska und Moderator Ruthard Stäblein, Redakteur für Literatur bei hr2-Kultur, auf dem Podium Platz nehmen.

Hanne Kulessa, Dozentin des Kurses Kulturmanagement des Fortbildungsprogramms Buch- und Medienpraxis der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, richtet sich mit einleitenden Worten an das Publikum. Sie verliest ein Zitat des Oberbürgermeisters Peter Feldmann und schlägt eine Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt und Charkiw, Lemberg oder Iwano-Frankiwsk vor. Ihren Worten folgt eine Begrüßungsrede von Carolin Mauritz, Studentin des Fortbildungsprogramms. Dann richtet Stäblein seine erste Frage an die SchriftstellerInnen: „Wie ist die Lage in der Ukraine?“

Juri Andruchowytsch berichtet von der Situation in Kiew. Er erzählt, dass es – obwohl es ausgehend vom 21. November heute einer der ruhigsten Tage war – zwei Schwerverletzte gab: Ein 20jähriger hat eine Hand verloren, ein 15jähriger kämpft um sein Augenlicht. Insgesamt gibt es weniger offene, dafür mehr verborgene Gewalt. Journalisten, Blogger und Künstler werden abgehört. Juri selber habe zuerst bemerkt, dass sein Handy-Akku schneller leer ist. Zusätzlich hat er mit einer Grünen-Politikerin telefoniert. Am darauf folgenden Tag hat diese ihn nicht mehr erreichen können: „Die von Ihnen gewählte Nummer existiert nicht“. Auf ihre sorgenvolle E-Mail hin hat Juri Andruchowytsch ihr geraten von einer anderen Nummer aus anzurufen und das hat dann funktioniert.

Jurko Prochasko, der in Lemberg wohnt, beschreibt indessen die dortige Lage. Die EinwohnerInnen gehen ihrem gewohnten Alltag nach und die Opposition agiert im Hintergrund. Die Gegner Janukowytschs versammeln sich, fahren mit Bussen nach Kiew oder blockieren die Kaserne des Innenministeriums in Lemberg. Die Soldaten konnten bis heute nicht nach Kiew geschickt werden. Einige von ihnen schreiben den Demonstrierenden, dass sie die Blockade aufrecht erhalten sollen, denn die Soldaten wollen nicht nach Kiew.

Während sich Juri Andruchowytsch und Jurko Prochasko im Westen der Ukraine aufhalten, lebt Serhij Zhadan im Osten. Er spricht zu Beginn auf Ukrainisch und Jurko Prochasko übersetzt, als er sagt, dass dem Osten die Tradition auf die Straße zu gehen fehlt. Stattdessen engagieren und bewaffnen die Machthaber kriminelle Schlägertypen aus Kampfclubs und Biker-Gangs, die kein festes Einkommen haben. Sie täuschen einen Protest vor – für Geld und nicht für eine Ideologie, so Serhij Zhadan.

Und Tanja Maljartschuk, die seit 2011 in Wien lebt, spricht für alle UkrainerInnen, die nicht in der Ukraine sein können. Jeder kann etwas tun und seine Solidarität zum Ausdruck bringen. Sie selber recherchiert, wo die ukrainischen Oligarchen Geld im Ausland versteckt haben: „Geld stinkt nicht, aber wenn das Geld schon blutig ist, tut sich vielleicht was.“

Die Politikwissenschaftlerin Inna Melnykovska zählt daraufhin auf, was der Westen, die EU und speziell Deutschland tun kann, um den Ukrainerinnen und Ukrainern zu helfen: Beobachter für längere Zeit in die Ukraine schicken, Sanktionen verhängen und die Konten der Oligarchen und ihren Unterstützern einfrieren sowie der Ukraine eine Perspektive auf einen EU-Beitritt geben. Juri Andruchowytsch stimmt ihr zu. Bisher sind seiner Meinung nach die EU-Kommissare nur für wenige Tage in Kiew sprechen mit dem „Lügner Janukowytsch“ und beobachten bloß, statt an der Revolution aktiv teilzunehmen. Zudem kann man mit der Vorbereitung eines Gerichtsprozesses beginnen. Jurko Prochasko hingegen sagt, dass das Wichtigste bereits getan wird: „Ihr trefft uns, ihr kommentiert, ihr versucht zu verstehen … Wir wollen nicht bewundert werden, wir wollen verstanden werden und eine lange Diskussion anregen.“

Welche Rolle Frauen auf dem Majdan spielen, möchte der Moderator Ruthard Stäblein wissen. Ihre Freundin habe einen Molotowcocktail gebastelt, erzählt Tanja Maljartschuk. Frauen halten Schilder mit „Seien Sie nicht sexistisch, ich will hier stehen!“ hoch, „Frauen halten den Platz sauber und füttern die Männer“. Jurko Prochasko ergänzt, dass sich eine Frauengruppe an vorderster Front gebildet hat und dass er Frauen kennt, die demonstrieren, weil das einfacher als ihre Situation zu Hause ist. Juri Andruchowytsch fasst es knapp zusammen: Männer und Frauen ergänzen sich gut.

Dann fragt Ruthard Stäblein, wie sich die AutorInnen die Zukunft von Janukowytsch und die der Ukraine vorstellen. Juri Andruchowytsch antwortet, dass ohne Janukowytschs Kopf keine Revolution möglich ist. Laut ihm ist es reine Zeitverschwendung mit ihm zu verhandeln, er muss gehen. Vielleicht nach Nordkorea, schlägt er vor. Jurko Prochasko ergänzt, dass die Zukunft von Janukowytsch eine schlechte sein wird. Es ist zu spät für ihn, um zurückzutreten. Er muss nach Den Haag oder vor ein ehrliches Gericht in der Ukraine.

Bezüglich der politischen Zukunft sind sich die AutorInnen nicht einig. Jurko Prochasko hält Klitschko für den besten Nachfolger, Tymoschenko gehöre frei, aber sie soll nicht mehr aktiv tätig werden. Juri Andruchowytsch hingegen glaubt, dass Tymoschenko noch einiges in der Politik zu tun hat – er würde sie unterstützen. Den Alternativen steht er gleichgültig gegenüber. Alles, was sie äußern, sei ironisch zu betrachten, sie sprechen zu den Erwachsenen wie zu Kindern. Keiner von ihnen wird ihm zufolge ein guter Präsident, aber besser als Janukowytsch werden sie alle. Tanja Maljartschuk sagt, sie glaubt niemandem mehr.

Nach der Diskussion sind die AutorInnen noch ziemlich lange von vielen Menschen umringt, um weiter Fragen zu beantworten, zu diskutieren und Bücher zu signieren. Die Diskussion hat das Publikum bewegt. Auf dem Weg durchs Foyer bleiben viele bei der Ausstellung stehen und denken weiter über die Ukraine nach.

Am Ende verrät mir Jurko Prochasko: „Wir wissen alle, was wir nicht wollen.“, und Tanja Maljartschuk fügt hinzu: „Wir wissen alle, was wir wollen: Eine bessere Zukunft!“