Eine Einführung in die Ukraine

Tanja Maljartschuk über das Leben eines zufälligen Wunders

Eine Buchbesprechung von Janina Jung

Derzeit wird in den deutschen Medien täglich über die Lage in der Ukraine berichtet. Das wirft bei mir die Frage auf, was ich eigentlich abseits der Berichte über das Land und seine Leute weiß. Nicht genug, denke ich und beschließe, mit Hilfe des Romans „Biografie eines zufälligen Wunders“ der ukrainischen Schriftstellerin Tanja Maljartschuk einen weiteren Eindruck zu gewinnen.

Der Gegenwartsroman spielt im fiktiven west-ukrainischen San Francisco. Der Stadtname ist vermutlich eine Anlehnung an den Geburtsort von Maljartschuk: Iwano-Frankiwsk. 35 Prozent der Einwohner San Franciscos gehören der bildungsfernen Schicht an, es gibt bis zu 1000 Obdachlose und 30.000 streunende Tiere. Hier wächst Lena auf. Gemeinsam mit ihren Eltern, die beide im Verlauf der Geschichte ihren Job verlieren, wohnt sie in einer Sozialbauwohnung.

Bereits im Kindergarten hasst Lena alles Russische, „weil es gehasst werden muss“. Mit 18 fällt sie durch die Aufnahmeprüfung für ein Studium – doch ihr Bekannter Prof. Teofil Karnickel lässt seine Beziehungen spielen und besticht den Vorsitzenden der Prüfungskommmission. Leider reicht das Bestechungsgeld von Lena nur für einen Platz im Bereich Gesundheitserziehung. Danach beginnt sie, genau wie Tanja Maljartschuk selber, als Journalistin zu arbeiten. Lena deckt einen Straßenhunde- und einen Gesundheitssystem-Skandal auf:

„Sie gab Unmengen von Interviews. Damals wurde sie so berühmt wie nie wieder in ihrem Leben. Zu ihren Erfahrungen mit der Polizei und der Stadtverwaltung äußerte sich Lena nicht, weil sie der Meinung war, das sei nicht mehr so wichtig. Die Regierungen sind überall gleich verlogen. Die Aufgabe der Öffentlichkeit bestand darin, den Machthabern beizubringen, ihre Verlogenheit zu verbergen. Und Angst zu haben. Denn nur verängstigte Machthaber arbeiten für das Volk.“

Lenas Mitmenschen werden auf sie und ihre Veröffentlichungen aufmerksam und reagieren mit einer Demonstration vor der Stadtverwaltung am Mychajlo-Hruschewskyj-Platz. Eine Szene, die ein wenig an die aktuelle Situation in der Ukraine erinnert.

Was lerne ich über die Ukraine, während ich Lenas Biografie lese? Die Autorin nennt die wichtigsten Stichpunkte der ukrainischen Geschichte: Ausgehend vom Russischen Reich, in dem die Ukraine als Kleinrussland bezeichnet und die ukrainische Sprache verboten wurde, über die Sowjetunion bis hin zur Unabhängigkeit. Maljartschuk verknüpft diese Eckpfeiler mit den Schicksalen von Figuren. Da ist zum Beispiel die Gärtnerin Baba Lida, deren Familie in einem Splitterhagel der Russen starb. Oder Lenas Großvater, der in die USA auswanderte um ein neues Leben zu beginnen. Neben fiktiven Figuren nennt die Autorin mehrere reale Persönlichkeiten, die die Geschichte der Ukraine geprägt haben, darunter der Lyriker Taras Schewtschenko, der Schriftsteller Iwan Franko und die Politiker Symon Wassyljowytsch Petljura, Jewhen Konowalez und Stephan Bandera.

Des Weiteren erfahre ich, dass neben Lenas bester Freundin Iwanka viele weitere ukrainische Frauen häusliche Gewalt erleben und jährlich 1000 Frauen an deren Folgen sterben. Iwanka stirbt nicht, aber sie gehört zu den 3,5 Millionen Menschen in der Ukraine, die mit einer Behinderung leben. Neben der häuslichen Gewalt und den Auswirkungen thematisiert die Autorin den Bereich Bestrafung und Gewalt auch im größeren Rahmen: Psychische und körperliche Gewalt gegen Kinder und Erwachsene, ausgeübt von Familienmitgliedern und von Fremden. Maljartschuk rückt diesen Themenbereich gemeinsam mit Alkoholismus, z. B. bei Lenas Opa und Prof. Karnickel, sowie Bürokratie und Bestechlichkeit, beispielsweise in Krankenhäusern und Heimen, in den Mittelpunkt.

Was real und was fiktiv ist, kann ich nicht alleinig anhand des Romans beurteilen. Aber mit „Biografie eines zufälligen Wunders“ ermöglicht mir die Autorin einen ersten Einblick in den ukrainischen Alltag inklusive geschichtlichem Kontext. So negativ und bedrückend die aufgeführten Thematiken auch sind, so positiv ist mein Eindruck über den satirisch zugespitzten Roman und die unverblümte Art, mit der mich Maljartschuk am Leben von Lena und anderen Ukrainer und Ukrainerinnen teilhaben lässt.

Tanja Maljartschuk: Biographie eines zufälligen Wunders. Aus dem Ukrainischen übersetzt von Anna Kauk. Residenz Verlag, Salzburg 2013. 268 Seiten. 21,90 Euro.